Aus demselben Faden gestrickt

Ruth und Heinz Brog, Wollpionierin und Landwirt

Willkommen auf dem Bauernhof

Unser Alltag verbindet zwei Arbeitswelten, die zusammengehören. Am frühen Morgen beginnt Heinz bei den Tieren im Stall und später auf unseren bewirtschafteten Flächen. Danach führt der Weg zu mir in die Wollproduktion, ins Atelier und am Schluss in den Laden zu den fertigen Produkten. In diesem Beitrag erzählen wir aus Heinz Sicht und wechseln danach zu meiner. So entsteht unser gemeinsamer Tagesablauf im und ums Wollreich Meiringen.

So tönt der Stall

Heinz: Frühe Tagwache

Mein Tag beginnt meistens um fünf Uhr. Am Morgen gehe ich zuerst durch den Stall. Ich kontrolliere, wie die Tiere stehen, ob sie fressen und ob sich eines anders verhält als sonst. Wer täglich mit ihnen arbeitet, erkennt kleine Veränderungen schnell. Die meisten Muttertiere kommen allein zurecht. Manche brauchen jedoch Unterstützung oder müssen mit ihrem Jungen vorübergehend in einer separaten Box bleiben, damit sie sich aneinander gewöhnen. Während der Ablammzeit kann der Morgen sogar noch früher werden. Mein Sohn und ich teilen uns die Nacht auf, damit immer jemand in der Nähe der Tiere ist und eingreifen kann, wenn ein Muttertier oder ein Lamm Hilfe brauchen. Danach wird gefüttert. Silage, Mais und Heu werden so kombiniert, dass die Tiere über den Tag gut versorgt sind. Auch wenn sich diese Arbeit täglich wiederholt, ist kein Morgen genau gleich. Im Anschluss nehme ich einen Kaffee, oft mit dem Pächter vom Hof oder meinem Sohn, sowie anderen Landwirten aus der Umgebung. So kann man sich gegenseitig updaten und unterstützen.

Mehr als Gras und Schafe

Später geht es hinaus auf unsere Felder. Insgesamt bewirtschaften wir rund 40 Hektaren Land, wobei ein grosser Teil davon gepachtet ist. Die Tiere nutzen das Gras und halten gleichzeitig die Wiesen offen. So entstehen nicht nur Fleisch und Wolle, sondern auch jene Kulturlandschaft, welche die Region prägt. Unser Kapital ist die gepflegte Landschaft. Für mich ist das ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Gäste kommen nicht nur wegen der Berge hierher. Sie erleben auch die Wiesen, die Tiere und eine Landschaft, die seit Generationen bewirtschaftet wird. Damit sie erhalten bleibt, muss täglich jemand Sorge zu ihr tragen.

Landwirt aus Geissholz bei Meiringen
Heinz Brog
«Unser Kapital ist die gepflegte Landschaft.»

Besuch auf der Alp

Im Sommer ist ein Teil der Herde auf der Alp. Dort bewegen sich die Tiere auf grossen und teilweise schwer zugänglichen Flächen. Neben Wetter, Verletzungen und der täglichen Kontrolle gehört heute auch der Wolf zu den Sorgen, die uns begleiten. Wir können nicht ständig neben jedem einzelnen Schaf stehen. Deshalb braucht es Aufmerksamkeit, Erfahrung und Schutzmassnahmen, die im steilen Gelände überhaupt umsetzbar sind. Die Freude über einen guten Alpsommer bleibt gross. Gleichzeitig trägt man die Verantwortung für die Tiere immer mit. Mit der einen Herde, die Patrick mein Sohn heute besuchen geht, ist deshalb eine Hirtin und ein Hund unterwegs. Wenn der Stall versorgt und die Arbeit auf den Flächen erledigt ist, führt der Weg der Wolle weiter. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt Ruth.

Ruth: Planen, obwohl der Tag eigene Pläne hat

Mein Tag beginnt ungefähr um Viertel nach sechs Uhr. Zuerst versorge ich zu Hause die Kleintiere und überlege, wer zum Mittagessen da sein wird. Wir haben Hühner, ein paar Esel und einen Hund. Vieles lässt sich organisieren, aber nicht ganz alles. Ein Telefonanruf, ein ausgebüxtes Tier oder eine unerwartete Aufgabe kann den ganzen Plan verändern. Landwirtschaft, Familie und Wollreich laufen nebeneinander, und manchmal muss man einfach flexibel bleiben. Im Wollreich gehe ich morgens zuerst ins Atelier. Neben dem Atelier gibt es noch die Produktion wo die gewaschene Wolle zu Ballen verarbeitet, sogenannt gekardet, wird. Dies passiert, bevor wir sie im Atelier weiterverarbeiten. Ich schaue, welche Bestellungen anstehen, was vorbereitet werden muss und ob alle genügend Arbeit für den Tag haben. Danach bespreche ich im Büro offene E-Mails, Lieferungen und organisatorische Fragen. Früher waren Atelier, Laden und Büro näher beieinander. Heute ist der Laden mitten im Dorf Meiringen. Trotz der vielen Organisation bleibt die Wolle für mich ein einzigartiges Material. Es entsteht viel Neues damit und die Arbeit ist sehr meditativ. Daneben führen wir auch noch das "Wullehuus" oberhalb von Meiringen. Es ist ein Ferienhaus, fernab vom Lärm. Es besteht aus ganz vielen Wolleprodukten von uns, angefangen bei der Isolation und den Matrazen, bis hin zur Dekoration.



Lieber Wolle als Bildschirm

Die Wolle kann ich in die Hand nehmen. Ich spüre ob sie fein oder fest ist und sehe beim Filzen direkt, wie aus den Fasern etwas Neues entsteht. Bei digitalen Programmen fällt mir das etwas schwerer. Natürlich brauchen wir heute E-Mails, Onlineshops und digitale Plattformen. Trotzdem schätze ich den persönlichen Kontakt besonders. Ein Gespräch im Laden, eine Kundin, die ein Produkt berührt, oder eine Begegnung im Dorf geben mir sehr viel. Zum Glück habe ich gute Mitarbeiterinnen, die die Technik im Griff haben und auch für mich teilweise managen.


Das Geräusch der Kardmaschine

Drei Schafe und eine wollige Idee

Dass aus unserer Landwirtschaft einmal ein Wollbetrieb entstehen würde, war nicht von Anfang an geplant. Als wir den damaligen Milchbetrieb neu ausrichten mussten, entdeckten wir Schwarznasenschafe. Ich liess drei Tiere reservieren und schenkte sie Heinz zum 30. Geburtstag. Er liess sich auf meine Idee ein. Aus diesen drei Tieren wuchs nach und nach unsere Herde. Gleichzeitig lernte ich während meiner Arbeit in der Psychiatrie in Meiringen das therapeutische Filzen kennen. Mich faszinierte, was sich allein mit den Händen aus Wolle gestalten lässt. Später konnten wir die Maschinen einer bestehenden Wollverarbeitung übernehmen und ich hatte die Gelegenheit, den Laden von jemand anderem weiterzuführen. Zunächst war das befristet auf ein Jahr, ideal um auszuprobieren, wie es läuft. Heute führen rund 80 Geschäfte unsere Produkte.

Wollunternehmerin aus Geissholz bei Meiringen
Ruth Brog
«Manchmal werde ich von Kundschaft nicht Ruth Brog, sondern gleich «Frau Wollreich» genannt»

Ohne Humor geht es nicht

In unserem Alltag passieren auch viele lustige Dinge, besonders unterwegs an Messen. Manchmal werde ich von der Kundschaft nicht Ruth Brog, sondern gleich «Frau Wollreich» genannt. Ein anderes Mal verfährt sich jemand oder es geht etwas verloren. Am Ende des Jahres machen wir aus den besten Missgeschicken sogar einen kleinen Sketch. Was im ersten Moment ärgerlich ist, wird später oft zur Geschichte, über die alle lachen. Genau dieser Humor hilft uns, wenn Pläne auch mal nicht aufgehen oder auf dem Hof noch eine zusätzliche Aufgabe wartet.


Unser gemeinsamer roter Faden

Das Wollreich und die Landwirtschaft konnten nur wachsen, weil die ganze Familie mitgetragen und mitgeholfen hat. Nicht jeder Tag war einfach, wir waren in unserem Leben zum Beispiel nur sehr selten in den Ferien. Auch unsere Kinder konnten nicht immer einfach so mit den Kollegen in die Badi. Manchmal war heuen angesagt. Es ist für mich aber sehr schön zu wissen, wenn ich aufstehe, muss ich nie arbeiten gehen. Natürlich verlangt unser Leben viel von uns, aber wenn man mit Freude an etwas Eigenem arbeitet, fühlt es sich eben nicht wie Arbeit an. Da sind wir alle aus demselben Holz geschnitzt, oder um es auf unser Handwerk zu übertragen, aus demselben Faden gestrickt.

Mehr Informationen
Wollreich Meiringen

Sichere dir jetzt deine Wolleerfahrung

Story und analoge Fotos: Sina Fuchser
Sommer 2026

Kontakt

Jungfrau Region Tourismus AG
Kammistrasse 13
CH-3800 Interlaken

Tel. +41 33 521 43 43
info@jungfrauregion.swiss