Mit Jodel im Fahrplan

Sämi Zumbrunn, Postautofahrer und Jodler

Willkommen im Postauto

Mein heutiger Arbeitstag beginnt um zehn Uhr. Der Bus steht bereit, der Fahrplan gibt die Richtung vor und vor mir liegen mehrere Fahrten durch das Haslital. Auch wenn ich die Strecken gut kenne, weiss ich am Morgen nie genau, welche Menschen einsteigen und welche Begegnungen der Tag mit sich bringt. Ich bin gespannt, was heute auf mich wartet.

Immer zuerst den Kontrollblick tätigen

Bevor ich losfahre, schaue ich mir den Bus genau an. Dieser Kontrollgang gehört für mich selbstverständlich zum Arbeitsbeginn. Ich möchte wissen, dass alles in Ordnung ist. Würde ich etwas vergessen, hätte ich während des ganzen Tages ein schlechtes Gefühl. Auch auf der Strasse ist Aufmerksamkeit entscheidend. Auf den Bergstrecken muss ich früh erkennen, was vor mir passiert. Eine enge Stelle, ein entgegenkommendes Fahrzeug oder Menschen am Strassenrand. Alles ist möglich. Als Chauffeur darf ich nicht erst reagieren, wenn etwas unmittelbar vor dem Bus auftaucht. Mit Erfahrung wird vieles selbstverständlich. Trotzdem bleibt die Konzentration auf jeder Fahrt dieselbe.

Mein Arbeitsplatz zwischen Bergen und Wasserfällen

Dann geht es los. Die Strecke führt durch eine Landschaft, die ich seit vielen Jahren kenne. Über dem Tal liegen Wasserfälle, entlang der Strasse öffnen sich immer wieder neue Blicke auf die umliegenden Berge im Haslital. Manchmal lassen sich sogar Gämsen beobachten. Ich zeige gerne, welcher Berg wo liegt und in welches Tal eine Strasse führt. Da ist der Plattenstock, dort geht es Richtung Grimsel, und weiter hinten liegt das Urbachtal. Mit vielen Orten verbinde ich Geschichten, Menschen oder eine bestimmte Melodie. Auch nach all den Jahren ist diese Aussicht für mich nicht selbstverständlich. Es ist jeden Tag ein Genuss, dieses Panorama anzuschauen. Das Wetter verändert die Landschaft ständig. Mal liegt sie im Sonnenlicht, mal ziehen Wolken über die Gipfel. Gerade diese Abwechslung macht jede Fahrt ein wenig anders. Ich komme pünktlich auf der Brünig Passhöhe an, wo ich auf die nächsten Passagiere aus den Zügen von Luzern oder Meiringen her warte.

Postautochauffeur und Jodler aus Zaun bei Meiringen
Sämi Zumbrunn
«Auch nach all den Jahren ist diese Aussicht für mich nicht selbstverständlich. Es ist jeden Tag ein Genuss, dieses Panorama anzuschauen»

Das Fahren liegt mir im Blut

Während der Fahrt denke ich manchmal daran zurück, wie alles angefangen hat. Ich bin in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Bereits mit sechs oder sieben Jahren sass ich auf dem Traktor. Als Zwölfjähriger fuhr ich einmal neben einem Chauffeur mit. Die grossen Fahrzeuge faszinierten mich sofort. Damals wusste ich, dass ich das später auch einmal machen möchte. Der Gedanke liess mich nicht mehr los. Ich arbeitete rund 40 Jahre bei Grindelwald Bus. Mit dem Reisecar war ich in ganz Europa unterwegs, unter anderem in Slowenien, Kroatien und Holland. Heute sind die Strecken wieder regionaler. Nach dem Brünig führt mich die Fahrt weiter via Ballenberg nach Brienz. Einige Fahrgäste kenne ich bereits, andere sehe ich heute zum ersten Mal. Mit Namen bin ich nicht immer besonders stark, Gesichter hingegen vergesse ich kaum. Ich merke schnell, wenn jemand unsicher ist, etwas mehr Zeit braucht oder Unterstützung benötigt. Dann helfe ich, so gut ich kann. Für mich bedeutet Busfahren deshalb mehr, als Menschen sicher von einem Ort zum nächsten zu bringen. Auch ein kurzes Gespräch oder ein freundlicher Gruss gehören zur Fahrt und auch heute kann selbst eine kurze Strecke zu einem gemeinsamen Erlebnis werden.



Mittagspause zu Hause

Gegen Mittag führt mich mein Weg nach Hause. Das alte Haus stammt ursprünglich aus dem Jahr 1607 und liegt ruhig zwischen Wald, Wiesen und nur wenigen weiteren Gebäuden. Viele Teile wurden früher mit Holznägeln gebaut. Seit zweieinhalb Jahren wohne ich hier. Dies obwohl ich das Haus schon seit Jahrzehnten kenne und nie gedacht hätte, dass es einmal mir gehören würde. Nach den Fahrten geniesse ich den Wechsel. Statt Motorengeräuschen, Haltestellen und Gesprächen, höre ich hier die Vögel zwitschern. Viel Zeit bleibt allerdings nicht. Je nach Dienst dauert eine Pause eine halbe oder eine ganze Stunde. Wenn sie Zuhause ist, bekocht mich manchmal meine Partnerin, was ich sehr schätze. Danach wartet bereits die nächste Fahrt.


Zurück auf der Strecke

Am Nachmittag nehme ich wieder auf dem Fahrersitz Platz. Wenn ich Gelegenheit dazu habe, wasche ich das Postauto meistens noch bevor ich wieder losfahre. Danach öffnen sich die Türen wieder, Fahrgäste steigen ein und aus, und der Fahrplan gibt den nächsten Abschnitt vor. Im Bus treffen unterschiedliche Nationalitäten, Persönlichkeiten und Stimmungen aufeinander. Nicht alle steigen gleich gut gelaunt ein. Trotzdem versuche ich, den Leuten freundlich zu begegnen.

Wenn der Fahrplan Raum für einen Jodel lässt

Zwischen zwei Fahrten bleibt manchmal etwas mehr Zeit. Dann trinke ich einen Kaffee, esse eine Frucht oder übe für einen bevorstehenden Auftritt. Häufig entsteht das Jodeln ganz spontan. Singen begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Als Jugendlicher arbeitete ich auf der Alp, später trat ich einem Jodlerklub bei. Seit mehr als 30 Jahren gehört der Jodel auch zu meinem Alltag als Chauffeur. Für einen Konzertauftritt bereite ich mich natürlich anders vor. Im Bus oder während einer Pause kommen die Töne häufig einfach aus dem Moment heraus. Dann bleiben Menschen stehen, hören zu oder holen ihr Handy hervor. Für mich fühlt sich das inzwischen ganz selbstverständlich an. Die einen trinken in der Pause ein Bier, die anderen jodeln. Bei mir ist ziemlich klar, wofür ich mich entscheide.

Ein Ständchen im Postauto


Bis zur letzten Runde

Bis gegen 18 Uhr bin ich heute unterwegs. Der Fahrplan legt fest, wann ich wo sein muss. Als Fazit aus meinem beruflichen, sowie privaten Leben, ziehe ich gerne eine Metapher zum Thema Timing. Sie ist mein Motto geworden. Nicht alles lässt sich erzwingen, manche Entscheidungen brauchen Zeit, bis der richtige Moment gekommen ist. Es ist wie ein Apfelbaum, an dem noch nicht alle Äpfel reif sind. Will ich zu früh ernten, beisse ich in den noch sauren Apfel. Ich versuche, geduldig zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass sich alles fügt, sobald die Zeit dafür gekommen ist. Es ist wie einer Fahrt mit verschiedenen Etappen. Das gilt fürs Jodeln und fürs Busfahren. Bald werde ich pensioniert. Wer weiss, wie mein Fahrplan danach weitergeht...

Mehr Informationen
Sämi Zumbrunn

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Story und analoge Fotos: Sämi Zumbrunn, Sina Fuchser
Sommer 2026

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