Was Heringe und Lauterbrunnen gemeinsam haben

Kevin Schulz, Leiter Camping Jungfrau Lauterbrunnen

Willkommen auf dem Camping

In Lauterbrunnen beginnt für mich der Tag zu Hause bei meiner Familie und endet, wenn auf dem Campinggelände alle Räder stehen. Dazwischen liegen Briefings, Reservationen, Reparaturen, viele Gespräche und kleine Entscheidungen. In der Hochsaison verbringen bis zu 850 Menschen gleichzeitig ihre Ferien bei uns. Doch wie hält man eine solche kleine Camping-Stadt am Laufen?

Mit Pausenbroten in den Tag

Am Morgen gehört meine Aufmerksamkeit meiner Familie. Meine Frau Caro und ich machen unsere beiden Töchter bereit, schmieren Pausenbrote und organisieren, wer von uns früher zum Campingplatz geht. Unsere jüngere Tochter verbringt den Tag bei der Tagesmutter, die ältere geht zur Schule. Früher stand für mich häufig die Arbeit an erster Stelle. Heute gehören Familie und Beruf bewusster zusammen. Sobald die Kinder unterwegs sind, beginnt auch für uns der Arbeitstag.

Bevor die Türen aufgehen

Auf dem Campingplatz verschaffen wir uns zuerst einen Überblick. Ich schaue zum Beispiel, welche Gäste am Vorabend nicht angekommen sind, was liegen geblieben ist und was heute ansteht. Beim kurzen Morgenbriefing bespreche ich mit dem Rezeptionsteam die wichtigsten Punkte. Danach öffnet der Shop. Ab diesem Moment entwickelt der Tag sein Eigenleben. Läuft das Tagesgeschäft ruhig, kümmere ich mich morgens um E-Mails, Projekte und administrative Aufgaben. Während die aktuelle Saison noch in vollem Gang ist, beginnt bereits die Budget- und Personalplanung für das nächste Jahr. Auch Folkloreabende müssen vorbereitet werden, die auf unserem Gelände stattfinden werden. Von aussen sieht man davon wenig. Doch damit für unsere Gäste später alles unkompliziert wirkt, muss im Hintergrund vieles organisiert sein.

Wenn der Campingplatz erwacht

Im Verlauf des Morgens kommt Bewegung auf. Gäste reisen ab, Wohnmobile rollen an und vor den Zelten entstehen kleine Ferienzuhause. In der Hochsaison beherbergen wir ungefähr 800 bis 850 Personen. Mit 265 Plätzen, darunter rund 100 Zeltplätze, 45 Unterkünfte und etwa 75 Plätze für Jahresgäste, sind wir zeitweise fast eine kleine Stadt. Besonders gefällt mir die internationale Mischung. Gäste aus Grossbritannien und den Niederlanden sind stark vertreten, viele Reisende aus den USA übernachten in unseren Unterkünften. In der Nebensaison kommen vermehrt Menschen aus Deutschland und der Schweiz. Auf einem Rundgang höre ich deshalb oft mehrere Sprachen. Zum Camping gehören auch noch ein Clubhaus und eine Eventlocation zur Miete für Gruppen sowie das Restaurant Weidstübli. Für unsere kleinen Gäste gibt es eine Schnitzeljagd auf dem Gelände sowie einen Spielplatz. Diverse Grillstellen und eine Küche mit Kochinsel und Kühlschrank stehen ebenfalls bereit. Begegnungen an solchen Orten machen den Platz lebendig.

Betrieb am Empfang

Leiter Camping Jungfrau Lauterbrunnen
Kevin Schulz
«Im Sommer ist es ein ganz spezielles Gefühl, über den Campingplatz zu laufen und zu sehen, was hier alles los ist.»

Einspringen, wo es mich braucht

Zu unserem Betrieb gehören rund 25 Mitarbeitende. Ein grosser Teil meiner Arbeit besteht deshalb aus Koordination und Lösungsfindung. Gleichzeitig bin ich gerne praktisch tätig. Wir haben ein Aussen- und ein Innenteam. Aussen geht es vor allem darum, den Leuten Stellplätze zuzuweisen, Infos weiterzugeben und den Campingplatz instand zu halten. An der Rezeption und im Shop ist man eher mit Buchungen beschäftigt. Fehlt zum Beispiel Unterstützung an der Rezeption, springe ich dort ein. Braucht der Shop Hilfe, helfe ich im Verkauf. Tritt in einer Unterkunft oder draussen auf dem Gelände ein technisches Problem auf, schaue ich es mir gemeinsam mit dem Aussenteam an. Der Rest ist Hands on und dort helfen, wo es gerade nötig ist. Das kann vieles bedeuten. Ich habe auch schon eine Heizung in einer Unterkunft ausgewechselt. Manchmal genügt ein kleiner Handgriff, manchmal braucht es Unterstützung von aussen.


Jeder Gast sieht den Platz anders

Die Tage sind sehr unterschiedlich. Was ich lustig finde ist, dass derselbe Stellplatz von zwei Menschen völlig unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Ein Gast ist unzufrieden, weil ihm der Platz nicht gefällt. Fünf Minuten später kommt der nächste, schlägt seine Zeltheringe ein und sagt, es sei der beste Platz, den er je hatte. Das zeigt mir, wie individuell Ferien sind. Dann geht es darum, zuzuhören, gut zu erklären und gemeinsam eine Lösung zu finden. Die meisten Gäste kommen jedoch glücklich an. Sie steigen aus ihrem Fahrzeug, schauen zu den Felswänden hinauf und staunen über die Umgebung in Lauterbrunnen. Die Gäste sind für mich das absolute Highlight. Sie sind beeindruckt und erstaunt von unserer Umgebung. Ihre Begeisterung erinnert mich jeden Tag daran, an was für einem besonderen Ort wir arbeiten.


In drei Tagen ein neues Leben

Bevor ich nach Lauterbrunnen kam, arbeitete ich fast neun Jahre im Zürich Marriott Hotel. Als Küchenchef führte ich dort ein Team von rund 27 Köchen. Auch Caro lernte ich während dieser Zeit kennen. Während der Coronazeit wurde mir bewusst, dass ich Familie und Beruf künftig anders gewichten wollte. Bei einem Besuch auf dem Campingplatz entstand eher scherzhaft die Idee, dass ich die technische Leitung übernehmen könnte. Drei Tage später hatten wir in Zürich alles gekündigt. Der Schritt war mit einem kleinen Kind ein Risiko, fühlte sich aber richtig an. Fünf Jahre lang arbeiteten wir als stellvertretende Leitung. Als unsere Vorgänger weiterzogen, übernahmen wir selbst die Verantwortung. Heute fühlen wir uns im Lauterbrunnental zu Hause. Ich engagiere mich unter anderem in der Feuerwehr und im lokalen Gewerbeverein. Caro hat den Familienverein mitgegründet. Aus einem neuen Arbeitsort ist für uns ein Zuhause geworden.

Jedes Zahnrad greift ineinander

Ein Campingplatz wirkt nach aussen häufig entspannt. Unsere Gäste sitzen vor ihren Zelten, kochen gemeinsam und geniessen ihre Ferien. Damit sich ihr Aufenthalt so leicht anfühlt, muss im Hintergrund jedoch vieles funktionieren. Bei unserer hohen Belegung muss jedes Zahnrad ineinandergreifen. Fällt irgendwo ein Teil aus, sucht das Team gemeinsam nach einer Lösung. Am Abend werden die Wege langsam leerer. Vor den Zelten und Wohnmobilen sitzen die Gäste zusammen und planen den nächsten Tag. Dann bleibt manchmal ein Moment, um selbst über den Platz und zu den imposanten Felswänden hinaufzuschauen. Manch einer hat seinen Hering hier in Lauterbrunnen aufgeschlagen. Doch hoffentlich haben sie den Ort nicht nur für den Staubbachfall und die Kirche, sondern auch für ikonische Nachtlager umgeben von der Natur in Erinnerung. Man munkelt sogar, es seien auch schon welche für immer hier geblieben und nicht mehr weggegangen.


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Camping Jungfrau Lauterbrunnen

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Story und analoge Fotos: Sina Fuchser
Sommer 2026

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